Von den Anfängen bis heute

Nichts geht ohne ein gutes Team

von Jens-Ekkehard Bernerth

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Herr Dorenkamp, Sie sagten , das Projekt sei gewachsen. Wie hat sich die personelle Besetzung diesbezüglich verändert?

Dorenkamp: Richtig, sowohl für die Stadtteil-Botschafter als auch die Bürger-Akademie brauchten Tina Kühr und ich Unterstützung, sowohl für die Organisation als auch die Durchführung, da beide Projekte viele Seminarveranstaltungen hatten. Die Bürger-Akademie war von Anfang an als outgesourctes Programm angedacht, mit einer freien Kraft, die das koordiniert und durchführt. Irgendwann habe ich gesagt, dass ich das selber machen möchte, um mehr auf Tuchfühlung gehen und von innen heraus weiterentwickeln zu können. Das habe ich auch gemacht, aber gemerkt, dass ich Hilfe brauchte. Zuerst kam eine studentische Hilfskraft dazu, und über den Deutschsommer in Offenbach, wo ich als Fachberater dabei war, wurde ich auf Silja Flach aufmerksam, die dort als Pädagogin aktiv war. Wir kamen ins Gespräch, und irgendwann sagte sie zu mir, dass sie noch Kapazitäten frei hätte (lacht). Zwei Jahre später wurde dann eine Honorarkraftstelle geschaffen, die Silja dann besetzt hat.

Flach: Genau, ich habe im Oktober 2012 als Honorarkraft angefangen in der Projektorganisation, damals in der Bewerbungsphase für die vierte Generation. Innerhalb der Ausschreibungsphase für die fünfte Generation im Herbst 2014 wurde ich dann festangestellt. Und Arnika Senft kam noch als Organisationskraft hinzu.

Dorenkamp: Richtig, das war dann die Aufteilung. Silja hat sich um die Bürger-Akademie gekümmert, was nicht ganz ihrer ursprünglichen Vorstellung entsprach, und ich mich weiter um die Stadtteil-Botschafter. Für mich wurde allerdings ein Wandel deutlich. Ich habe viel Freude an der Weiterentwicklung des Programms gehabt, aber gemerkt, dass es kräftezehrend ist. Meine Ideen sprudelten nicht mehr so, während es bei anderen genau umgekehrt war. Das war für mich eine schöne Gelegenheit, das Signal zu senden, etwas zu ändern. Und so wurde Silja die Hauptverantwortliche für die Stadtteil-Botschafter, und ich habe mich auf die Bürger-Akademie und das Kolleg für junge Talente konzentriert.

Silja, was wurde unter Ihrer Ägide verändert?

Flach: Mit der sechsten Generation habe ich ein paar Veränderungen vorgenommen, die auf den Beobachtungen der vorherigen Runden beruhten. Wir haben das Stipendium von 18 Monate auf zwölf reduziert. 18 Monate war für einige der jungen Menschen ein zu langer Zeitraum, um sich neben Studium, Ausbildung, Schule oder Job auf ein Projekt und verpflichtende Stipendienbausteine zu committen. Ich habe "Design Thinking" als ein Methodenwerkzeug eingeführt, mit dem man Projekte noch besser so gestalten kann, dass sie für die angedachte Zielgruppe wirksam sind. Außerdem sind wir zu einem dichteren Seminarkonzept zurückgekommen. Eine Weile hatten wir mehr auf Werkstatt-Tage gesetzt und auf nur insgesamt Seminare: zu Anfang, Mitte und Ende der Stipendienzeit. Seit fünf Jahren liegen jetzt alle wichtigen Seminarinhalte am Anfang des Stadtteil-Botschafter-Jahres. um die Stipendiatinnen und Stipendiaten gleich zu Beginn gut mit allem nötigen Wissen rund um Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerken usw. zu versorgen, was sie später brauchen werden.

Außerdem sind wir davon weggekommen, ganz zu Beginn eine große Aufnahmefeier zu machen, bei der die neuen Stadtteil-Botschafterinnen und -Botschafter vor vielen Menschen berichten, was sie tun wollen im Projekt. Oft haben sich Projekte in der Konzeptphase noch stark verändert und dann war es immer ein bisschen misslich, wenn die Idee schon offiziell in der Welt war – und manchmal schon in der Zeitung stand. Stattdessen gibt es eine familiären Aufnahmeabend im Stillen, die neuen Stadtteil-Botschafterinnen und -Botschafter fangen danach erstmal an, in Ruhe an ihren Projekten zu arbeiten – und dann gibt es erst eine Veranstaltung mit dem Namen "Hallo Frankfurt!", auf der sie schon sehr viel genauer berichten können, was ihre Projektidee ist und wie sie sie verwirklichen wollen. Zu guter Letzt gibt es inzwischen auch ein sehr persönliches Coaching-Angebot von professionell ausgebildeten Coachinnen und Coaches. Denn wie es vorhin schon treffen gesagt wurde: Stadtteil-Botschafter durchlaufen auch mal Krisenphasen. Weil es im Projekt nicht so läuft wie gedacht, oder weil das persönliche Leben Achterbahn fährt. Da hilft es, sich in einem geschützten Rahmen austauschen zu können und für sich einen Umgang damit zu finden. Das bieten wir mit dem Coaching.

»Damals wie heute haben wir es mit unglaublich vielfältigen, engagierten Menschen zu tun, die viele unterschiedliche Themen interessant finden oder für die sie sich gesellschaftlich einsetzen.«

Silja Flach
Projektleiterin des Stadtteil-Botschafter-Stipendiums

Stellen Sie eine Veränderung hinsichtlich der Themen fest, die die Stadtteil-Botschafter heute im Vergleich zu denen von beispielsweise 2012 haben?

Flach: An sich nicht. Damals wie heute haben wir es mit unglaublich vielfältigen, engagierten Menschen zu tun, die viele unterschiedliche Themen interessant finden oder für die sie sich gesellschaftlich einsetzen. Aber manchmal gibt es in den einzelnen Generationen Themenschwerpunkte. In den ersten haben sich öfter mal mehrere Projekte um Sport oder Musik gedreht. Dann kamen zum Beispiel vermehrt Projekte zum Thema Nachhaltigkeit und Stadtgärtnern, in den letzten drei Generationen kamen die ersten Projekte zum Thema Inklusion auf. Insofern ist das Stadtteil-Botschafter-Stipendium auch ein Brennglas für gesellschaftliche Themen, die Jugendliche beschäftigen und für die sie sich einsetzen wollen.

Wie hat die Pandemie sich auf das Programm ausgewirkt?

Flach: Vor allem die Generationen 2019/20 und 2020/21 waren stark von den Einflüssen von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen betroffen: Wir mussten Programmevents online anbieten, die Projekte konnten nicht alle wie geplant oder zur eigentlich geplanten Zeit – oder teilweise sogar gar nicht – stattfinden. Trotzdem kam erstaunlich viel zustande, die Stadtteil-Botschafterinnen und -Botschafter waren sehr erfinderisch und vor allem untereinander super vernetzt. Wir haben in der Zeit neue Workshopthemen im Digitalen getestet, die gut funktionierten, sowas wollen wir beibehalten und vielleicht sogar weiter ausbauen.

Die neue Stadtteil-Botschafter-Generation wurde frisch aufgenommen. Auf welche Projekte können wir uns freuen?

Flach: Die Bandbreite ist wie immer groß und die Projekte sind fast immer persönlich motiviert durch Themen, die die Jugendlichen beschäftigen oder durch ihre Talente und Hobbies. Dieses Jahr sollen viele Workshopangebote entstehen: zum Beispiel zum Empowerment von Alleinerziehenden und zielstrebigen Frauen, zum Kreativen Schreiben und Poetry Slammen für Jugendliche oder zum Zeichnen für Kinder. Es soll Boxkurse für Mädchen und Frauen geben, Experimentierausflüge für Schülerinnen und Schüler außerhalb der Schule, um besondere Lernerfahrungen zu ermöglichen, oder Angebote, durch die Kinder Musikinstrumente kennenlernen können. Außerdem soll ein Podcast für Jugendliche entstehen, ein Vernetzungsevent für Vereine in Bockenheim und ein Pop-Up-Begegnungs-Café am Jugendhaus in Bergen für Jung und Alt sowie Aktivitäten für mehr Umweltbewusstsein in Sachsenhausen.

Ist etwas dabei, das es so noch nicht gab?

Flach: Also letztlich ist jedes Projekt etwas, dass es noch nie vorher gab. Manchmal sind Formate ähnlich oder gleich, Projeket bestehen aus Workshops, oder einem Fest. Aber letztlich unterscheiden sich die Projekte dann aufgrund des Stadtteils, des Themas usw. Aber eine Sache ist dieses Jahr tatsächlich besonders, finde ich: "Die TEILEREI", ein Umsonst-Laden zur Weiternutzung von Gebrauchsgegenständen. Wir hatten in früheren Projekten schon mal die Idee eines Tausch-Flohmarkts und einer Give-Box dabei, aber ein tatsächlich begehbarer Ort, ein Laden, in den die Menschen Dinge bringen können, die sie nicht mehr brauchen, aber die noch von anderen genutzt werden können – also ein "Kostenlos-Geschäft", das den Nachhaltigkeitsgedanken fördert, das gab es in 15 Jahren noch nicht. Und das Projekt, das sich mit Alleinerziehenden befasst, ist besonders, denn diese spezielle Zielgruppe war noch nie Gegenstand eines Projekts im Stadtteil-Botschafter-Stipendium.

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15 Jahre junges Engagement für Frankfurt

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Von der Radiosendung bis zum Kletterturm: Erinnerungen aus 15 Jahren Stadtteil-Botschafter.

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