Von den Anfängen bis heute

Nichts geht ohne ein gutes Team

von Jens-Ekkehard Bernerth

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Also gab es die Schwierigkeit zu vermitteln, was die Stadtteil-Botschafter überhaupt sind?

Kühr: Genau

Dorenkamp: Wir wissen, dass Ehrenamt in Frankfurt eine große Sache ist. Frankfurt ist eine Bürgerstadt, Bürger waren immer selbstbestimmt, das merkt man auch. Wenn altgediente Ehrenamtler aus Verein und Organisationen, die sich schon den Buckel krumm "geehrenamtelt" haben und mit jemandem konfrontiert werden, der selbstbewusstsagt: "Ich bin Stadtteil-Botschafter der Stiftung Polytechnische Gesellschaft" – dann haben die schon mal Widerstand zu spüren bekommen.

Flach: Das ist manchmal immer noch so leider. Da bekommen unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten unter anderem zu hören: "Wir machen sowas schon seit 20 Jahren, die is schon so spät dran, wie will die denn in so kurzer Zeit noch die Werbung für eine Veranstaltung bewerkstelligen? Das fand ich auch in meiner Zeit, als ich noch Mentorin war, eine der interessantesten Vermittlungsaspekte, dass man die Leute, die vor Ort seit Jahren in den Gremien sitzen und ganz viel machen, überzeugen muss. Viele unserer Stipendiatinnen und Stipendiaten haben ja keine Ahnung von all den Vorkommnissen und Entwicklungen und Herausforderungen, denen sich Gremien unterworfen sehen ,woran die vielleicht schon seit Jahren arbeiten und sich abmühen, obwohl sie seit Jahren in dem Stadtteil leben und sich engagieren. Da prallen Welten aufeinander, doch darf man da weder den Ehrenamtlichen, noch den Stipendiatinnen und Stipendiaten einen Vorwurf machen. Die Vermittlungsarbeit zwischen beiden Seiten, also den Stadtteil-Botschafterinnen und Stadtteil-Botschaftern und den Offiziellen, ist schon ein großer und wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Dorenkamp: Wenn wir sagen, das ist ein Projekt der Jugend- und Persönlichkeitsentwicklung, dann gehört zu der Persönlichkeitsentwicklung, ihnen zu ermöglichen, die Erfahrung zu machen: "Wie reagiert die Welt auf meine Idee? Wie gehe ich damit um?" Man muss die (Feedbackgeber, Anm. d. A.) ja einbeziehen und sagen: "Danke für den Hinweis, das nehme ich gerne auf. Was meinen Sie denn, wie kann ich das zum Erfolg bringen?". Das bildet eben Persönlichkeit. Leute stärken heißt nicht nur ihnen ständig zu sagen, wie toll man ist, sondern es heißt auch, ihnen den Grund geben, starke Wurzeln zu bilden, die sich auch im Boden halten und edle Bilder zu bemühen. Dazu gehört Widerstand auch.

Frau Kühr, gab es damals schon Momente, wo Sie das Gefühl hatten, dass ein Projekt scheitern kann?

Kühr: Dass das Projekt insgesamt nicht realisiert wird, hatten wir nicht. Spannend war in den ersten Jahren immer die Bewerbungsphase, ob sich genügend melden würden; aber der persönliche Kontakt wirkt am besten, also wenn man jemanden kennt, der wiederum junge Leute kennt, oder wenn man einfach in den Jugendring oder andere Gremien reinkommt und persönlich dafür werben kann, dann funktioniert das. Es ist kein Programm, für das sich aufgrund eines Plakats 100 Leute melden. Vielmehr durch Beziehungsarbeit, und das von Anfang an.

Dass Projekte eine Krise durchlaufen können, ist ganz normal. Die Herausforderung ist dann die Leute bei der Stange zu halten und wie man sie begleiten kann, dass sie die Krise meistern. Wie man aber auch Krisen und Konflikte im Stadtteil entsprechend begleitet. Als ich das Projekt noch betreut habe, ist jedes Projekt zu einem Abschluss gekommen – zwar nicht unbedingt zwangsläufig zu dem, den wir uns zusammen vorgestellt hatten, aber es hat immer etwas stattgefunden, eine Entwicklung gegeben, und deshalb letzten Endes einen erfolgreichen Abschluss gehabt. Das hat sich später leider etwas geändert.

»Wir lernen mit den Stipendiaten ja auch mit.«

Dr. Tina Kühr
Alumni-Beauftragte der Stiftung Polytechnische Gesellschaft

Was waren die Höhepunkte aus den ersten beiden Generationen?

Kühr: Bei mir ist nach wie vor der Kletterturm eines der absoluten Highlights. Damals sind zwei junge Männer in unser Projekt gekommen, beide noch Schüler, die für 200.000 Euro einen Kletterturm bauen wollen. Das Budget [der Stiftung, Anm. d. A.] ist mit damals 4.000 Euro weit davon entfernt gewesen. Sie waren nicht davon abzubringen, weshalb wir uns auf einen Kompromiss geeinigt haben: Sie hatten eine gewisse Zeit, um das Fund­raising zu betreiben, und sollte es erfolgreich sein, würde man zusammen den Weg gehen. Sie hatten genaue Vor­stellungen, und tatsächlich die Summe in der Tasche. Der Kletter­turm wurde dann gebaut, und ihn gibt es bis heute noch. Mittlerweile ist er im Besitz der TSG Nieder­erlenbach, dem lokalen Sportverein, die drumherum eine riesige Kletterabteilung aufgebaut haben. Die beiden Stadtteil-Botschafter sind dort nicht mehr aktiv, aber inte­ressan­ter­weise war eine spätere Stadtteil-Botschafterin dort als Kletter­trainerin aktiv. Es ist ein Muster­beispiel für ein nach­haltiges Projekt.

Wen wir immer wieder gerne zitieren als Menschen ist der Mikel White, Stadtteil-Botschafter der ersten Generation, der damals Anti-Gewalttraining mit Jugendlichen gemacht hat und versuchte sie überzeugen, dass man gewaltfrei besser leben kann. Michael hat selbst eine immense Entwicklung durchgemacht: Er selbst hatte einige Probleme in seiner Jugend, und ist mittlerweile Leiter des Jugendzentrums Kosmos. Dort leistet er tolle Arbeit, und ist zu einem Vorbild geworden für seine Leute vor Ort. Wir von der Stiftung haben ihm mit dem Projekt eine Chance gegeben, man hätte ja auch sagen können, dass er aufgrund seiner Vergangenheit gar nicht erst aufgenommen wird. Er hat sich ganz toll entwickelt.

Generell ist das Stadtteil-Botschafter-Projekt super geeignet, um die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive kennenzulernen. Das hat der damals noch sehr jungen Stiftung immens geholfen, weil wir in jedem Stadtteil waren, unterschiedliche Einrichtungen kennengelernt haben, von städtischen Arbeitskreisen hin zum Quartiersmanagement, mit dem wir ganz eng zusammengearbeitet haben damals, Vereine, die Ortsbeiräte… war und ist eine super Möglichkeit, mit den ganzen (ehrenamtlichen) Organen der Stadt in Kontakt zu kommen.

Mühen, die sich gelohnt haben. Das Programm wurde ja damals gleich prämiert mit dem Anerkennungspreis der Stiftung Bürger für Bürger im Jahr 2009.

Kühr: Ich finde es nach wie vor mit das spannendste Projekt der Stiftung. Man ist mit so vielen unterschiedlichen Projekten konfrontiert. Ich habe beispielsweise damals zum ersten Mal einen Fußballverein mitgegründet, erfahren, wie man einen Kletterturm baut und was für Vorschriften dabei eingehalten werden müssen. Wir haben mit dem Sprungfestival eine Großveranstaltung in Bergen-Enkheim organisiert – das ist stets so unterschiedlich und spannend gewesen, neue Felder kennenzulernen. Wir lernen mit den Stipendiaten ja auch mit.

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Von der Radiosendung bis zum Kletterturm: Erinnerungen aus 15 Jahren Stadtteil-Botschafter.

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